Dejà Vue

(24.04.2020) Irgendwie erlebe ich gerade ein Déjà-Vue, der Finanzkrise von 2011: Da erdreistet sich ein Land, das vom Coronavirus extrem hart getroffen wurde, um europäische Solidarität zu bitten; das ganze in Form von Eurobonds, die es – wenn wir eine kluge Wirtschaftspolik hätten – eigentlich seit Jahrzehnten längst geben müsste. Diese kommt dann zwar nicht, dafür startet der Zar aus Moskau eine zwar nutzlose, aber propandistisch wirksame PR-Aktion, um Europa vorzuführen.   Und selbst danach merkt noch kaum jemand, wie wir Italien alleine gelassen haben. Wer war es denn, der im Rahmen der Austeritätspolitik von Italien gefordert hat, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken? Wie geil diese Idee war, merken wir alle jetzt, wo dieser falsch verstandene Wirtschaftsliberalismus tödliche Folgen hat. Oder wir könnten es merken, wenn wir nicht so ideologisch vernagelt wären. Und schon bricht der Sturm von dumpfdeutscher Empörung germanischer Brüllaffen los, verbunden mit allen nur erdenklichen Vorurteilen, die überhaupt vorstellbar sind. Der gesamte Phrasenbaukasten der selbst erklärten wirtschaftsliberalen Fachleute kommt mal wieder zum Vorschein: Da wird zum hunderttausendsten Mal die schwäbische Hausfrau bemüht, die nicht mehr ausgeben darf, als das was sie hat, da wird von Südländern schwadroniert, die über ihre Verhältnisse leben und zuviele Schulden haben. Und ein besonders schlauer Mensch meint, man müsse einfach nur die italienischen Gehälter um 20 – 30% senken und alles wäre prima. Sozialdarwinismus nennt man das. Liebe Angehörige der deutschen Herrenrasse: nur weil in unserer Sprache die Begriffe Schuld und Schulden, den gleichen Wortstamm haben, haben Schulden nichts, aber auch gar nichts mit moralischer Schuld zu tun. Denn auch die schwäbische Hausfrau hat Schulden, wenn Sie ihren Häuslebauerkredit abzuzahlen hat. Erneut zeigt sich, wie eng doch die Ideologie der Wirtschaftsliberalen und Libertären mit der Ideologie der Rechten verwandt ist. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Ursprungs-AfD aus genau dieser Ideologie heraus entstanden ist: als eurokritische Partei eines Bernd Lucke, eines Hans-Olaf Henkel und eines Hans-Werner Sinn. Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht, dieses Prinzip scheint unerschütterlich zu sein. Und weil es in einem Land, wo jeder meint, zu kurz zu kommen und niemand dem anderen etwas gönnt, so schlimm ist, solidarisch sein zu sollen, kann die Lösung natürlich nur sein: raus aus dem Euro! Sollen die ganzen Schmarotzerstaaten doch sehen wo sie bleiben… Mal ’ne ganz bescheidene Frage: haben diese Leute, die solch einen Dünnpfiff erzählen eigentlich noch alle Kerzen auf der Torte? Wir sind es doch, die von dem faktisch unterbewerteten Euro am meisten profitieren. Unsere Exporte werden dadurch überhaupt erst möglich. Und damit leider auch die Schulden anderer. Natürlich braucht es in dieser Situation einen Ausgleichsmechanismus. Dies können Eurobonds sein. Aber jemand mit dem Horizont einer schwäbischen Hausfrau, der denkt, komplexe Volkswirtschaften wären vergleichbar mit dem Bau einer Doppelhaushälfte in Sindelfingen (mit Glasbausteinen und Konifärengärten und das „Heilig Blechle“ in der Garage), der versteht solche komplexen Sachverhalte natürlich nicht. Ich hoffe inständig, dass durch diese Krise die Ideologie des Wirtschaftsliberalismus, verbunden mit der Idee vom schlanken Staat, der seinen Sozialstaat zu Grunde zu richten und sich durch permanente Steuersenkungen handlungsunfähig zu machen hat, während die Märkte dank ihrer gottgleichen Unfehlbarkeit alles – gemäß dem Recht der Stärkeren – unter sich ausmachen sollen, an ihr endgültiges Ende kommt.

Spon Kolumne von Thomas Fricke über das deutsche Zerrbild vom faulen Südländer

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