Der 2. Mai 2014 – die Tragödie von Odessa

Heute ist der Jahrestag der Tragödie von Odessa. Am Ende des Tages waren 48 Tote zu beklagen. Diese Bilder zeigen, wie es begann: mit friedlichen pro-russischen Demonstanten in der Odessaer Innenstadt.

Einige Hintergründe:

Wie kaum eine Zeit vorher war der April 2014 in der Ukraine von Spannungen und Aggression geprägt. Nach der siegreichen Revolution auf dem Kiewer Maidan hatte Präsident Yanukovych das Land verlassen und Putin in einer Nachtund- Nebelaktion die Krim annektiert; auch in Teilen des Donbas tauchte russisches Militär auf. Das Land stand unter kollektivem Schock, zumal russische Stimmen die Schaffung von „Neurussland“ (Novorossiya), eines Gebietes vom Donbas bis Transnistrien, propagierten. Für Odessa als rein russischsprachige Stadt war in diesen Plänen eine Schlüsselrolle vorgesehen. Alle wichtigen Posten in Verwaltung, Polizei etc. befanden sich im Frühjahr 2014 in den Händen der Yanukovych-Leute. Korruption und Mafiaaktivitäten blühten.

Weite Teile der Bevölkerung hatten den Maidan abgelehnt. So dachte
man im Kreml, auch in Odessa einfaches Spiel zu haben, hatte jedoch nicht mit dem Widerstand der örtlichen Zivilgesellschaft, überwiegend das Bildungsbürgertum, Kleinunternehmer und Repräsentanten der Hochkultur, gerechnet. So kam es immer wieder sowohl zu prorussischen wie auch proukrainischen Demonstrationen. Auf dem unwirtlichen Platz vor dem riesigen Gewerkschaftsgebäude aus sowjetischer Zeit, nahe des Bahnhofes, entstand ein prorussisches Zeltlager. Dieses sollte zu den Maifeierlichkeiten geräumt werden, was die Polizei allerdings ablehnte, eine klare Befehlsverweigerung.
Am 2. Mai kam es schließlich zu den lange erwarteten gewaltsamen Zusammenstößen. In Odessa fand an diesem Tag ein Fußball-Erstligaspiel zwischen Metalist Kharkiv und Chornomorets Odessa statt. Die Ultras beider Vereine, erklärtermaßen proukrainisch, zogen nach dem Spiel mit lautstarken Schmähungen des russischen Präsidenten („Putin Huilo – lalalalalala“ = „Putin Pimmel“, sinngemäß etwa „Putin Arschloch“) durch die Stadt. Unter dem Schutz der Polizei eröffneten prorussische Demonstranten unerwartet das Feuer und schossen scharf auf die Ultras. Sechs Tote waren zu beklagen. Daraufhin zog sich die völlig überforderte Polizei zurück und überließ die Straße dem Mob. Die Straßenschlachten verlagerten sich auf den Platz vor dem Gewerkschaftsgebäude, wo die wenigen noch vorhandenen leeren Zelte der Putin-Anhänger von proukrainischen Kräften abgefackelt wurden, während sich die prorussischen Kräfte in das Gewerkschaftsgebäude zurückzogen und Molotovcocktails nach draußen schleuderten, was die proukrainischen Kräfte entsprechend erwiderten.


Wie nun die eigentliche Katastrophe passieren konnte, ist bis heute nicht mit letzter Gewissheit geklärt, sicher ist aber, dass in den frühen Abendstunden im Treppenhaus des Gewerkschaftsgebäudes ein Feuer ausbrach, das sich aufgrund der offenen Fenster in Sekundenschnelle in die oberen Stockwerke ausbreitete. Vermutlich durch die Hitzeentwicklung, wohl aber auch wegen giftiger Gase aufgrund brennender Gegenstände im Haus starben 48 Menschen. In und um das Haus spielten sich dramatische Szenen ab, einige Menschen versuchten sich durch einen Sprung aus den Fenstern ins Freie zu retten. Obwohl die städtische Feuerwehrwache nur wenige hundert Meter entfernt liegt, dauerte es fast eine Stunde, bis die Einsatzkräfte anrückten.


Alsbald schossen wildeste Spekulationen ins Kraut. Während die russische Seite bis heute nicht müde wird, das Ganze als gezielten Mordangriff ukrainischer „Faschisten“ darzustellen, gab es auf ukrainischer Seite die Verschwörungstheorie, wonach die Toten innerhalb des Hauses vorsätzlich mit Giftgas ermordet wurden, um so Opfer zu erzeugen, die einen russischen Einmarsch rechtfertigen sollten. Beide Erklärungen sind absurd. Fest steht, dass auch Jahre nach dieser Tragödie noch keine brauchbaren staatlichen Untersuchungsergebnisse vorliegen, durchaus ein Beispiel für Staatsversagen. Licht ins Dunkel brachte die Gruppe „Zweiter Mai“ um den angesehenen örtlichen Journalisten Sergey Dibrov, der es schaffte, auch prorussische Kräfte mit an den Tisch zu holen. Alle verfügbaren Handyvideos wurden ausgewertet, Brand- und Forensikexperten herangezogen und das Ergebnis in dem höchst sehenswerten Dokumentarfilm „Ohne Mythen“ präsentiert (auch in deutscher Synchronisation verfügbar), der im Gegensatz zu dem höchst tendenziösen deutschsprachigen Film „Lauffeuer“ ein Musterbeispiel an Objektivität ist. Sämtliche Verschwörungstheorien konnten so widerlegt werden. Vielmehr ist von einem tragischen Unglück auszugehen, zu dem es in seinem ganzen Ausmaß nur infolge des Komplettversagens der örtlichen Behörden und der Feuerwehr kommen konnte.

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